Gleich zwei Humboldt-Preisträger forschen in diesem Jahr bei GSI/FAIR
20.07.2026 |
Das GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt und die zukünftige Beschleunigeranlage FAIR ziehen weiterhin weltweit führende Wissenschaftler*innen an. In diesem Jahr forschen gleich zwei Träger des renommierten Humboldt-Forschungspreises am Standort Darmstadt: Professor Yong-Zhong Qian (University of Minnesota, USA) war bereits vor Ort, Dr. Peter Jacobs (Lawrence Berkeley National Laboratory, USA) wird im zweiten Halbjahr 2026 erwartet.
Mit ihrer Präsenz stärken die beiden Preisträger nicht nur die internationale Vernetzung von GSI/FAIR, sondern tragen auch maßgeblich zur Forschung in den Bereichen nukleare Astrophysik und Quark-Gluon-Plasma bei – zwei zentrale Themen, die bei GSI und an FAIR durch eine einzigartige Kombination aus Experimenten und Theorie erforscht werden.
„Wir freuen uns außerordentlich, dass zwei herausragende Humboldt-Forschungspreisträger in diesem Jahr zu uns kommen. Das unterstreicht die Anziehungskraft von GSI/FAIR als internationaler Forschungsstandort. Die Beschleunigeranlage FAIR wird die vielfältigen Möglichkeiten, um die Bausteine der Materie und die Entwicklung des Universums zu erforschen, noch einmal erweitern. Die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern wie Professor Yong-Zhong Qian und Dr. Peter Jacobs ist ein wichtiger Schritt, um diese Vision zu verwirklichen. Solche Kooperationen stärken den wissenschaftlichen Austausch und treiben die Grenzen unseres Wissens weiter voran“, sagte Professor Thomas Nilsson, Wissenschaftlicher Geschäftsführer von GSI und FAIR.
Professor Yong-Zhong Qian gilt als einer der weltweit führenden Theoretiker auf dem Gebiet der nuklearen Astrophysik. Seine bahnbrechenden Arbeiten haben immer wieder neue Forschungsfelder eröffnet, die später etablierter Standard wurden. Seine Fachgebiete umfassen Flavour-Oszillationen astrophysikalischer Neutrinos, Nukleosynthese und die chemische Entwicklung von Galaxien. Für seine Beiträge zur theoretischen nuklearen Astrophysik, darunter die Entstehung schwerer Elemente durch den r-Prozess, sowie zu theoretischen Studien über kollektive Neutrino-Flavour-Transformationen in Supernovae wurde er zum Fellow der American Physical Society gewählt. Außerdem erhielt er den renommierten Chang-Jiang-Scholar-Award des chinesischen Bildungsministeriums, eine seltene Auszeichnung, die nur an international renommierte Wissenschaftler verliehen wird. Professor Yong-Zhong Qian ist während seines Aufenthalts bei GSI/FAIR der Abteilung Nukleare Astrophysik & Struktur unter Leitung von Professor Gabriel Martínez-Pinedo, angegliedert.
Qian hat unter anderem als Erster die Verbindung zwischen Flavour-Oszillationen massiver Neutrinos und Supernova-Nukleosynthese aufgezeigt. Seine Arbeiten zur Nukleosynthese in Supernovae und zur galaktischen chemischen Entwicklung haben das Verständnis dafür geprägt, dass verschiedene astrophysikalische Quellen für die Entstehung schwerer Elemente verantwortlich sind. Zudem hat er grundlegende Beiträge zu den Phänomenen der kollektiven Neutrino-Oszillationen astrophysikalischer Neutrinos geleistet.
In den letzten Jahren hat Qian seine Forschung auf neue Felder ausgeweitet, darunter die Identifizierung einer neuen Quelle, in der der Neutroneneinfang-Prozess ablaufen könnte: frühe massereiche Sterne, welche die rätselhaften Daten zu schweren Elementen in alten Sternen erklären könnten. Er beschäftigt sich außerdem mit der Präzisionsbestimmung der Masseverteilung dunkler Materie in der Milchstraße. Qians aktuelle Forschungsschwerpunkte sind Flavour-Oszillationen astrophysikalischer Neutrinos, außerdem die Nukleosynthese schwerer Elemente in Supernovae, bei der Verschmelzung von Neutronensternen und an anderen astrophysikalischen Orten, sowie die chemische Entwicklung von Galaxien. Weitere Themen sind kosmische Strahlung und elektromagnetische Signale, die während der Nukleosynthese chemischer Elemente entstehen.
Qian ist auch ein engagierter Mentor: Sieben von elf ehemaligen Doktorand*innen und alle ehemaligen Postdocs sind heute in der akademischen Welt tätig. Einer von ihnen leitet derzeit seine eigene Forschungsgruppe bei GSI/FAIR, die durch einen renommierten ERC-Starting-Grant finanziert wird. Davon profitiert auch die Zusammenarbeit und der Austausch unter den Nachwuchsforschenden bei GSI/FAIR.
Während seines Aufenthalts bei GSI/FAIR wird Professor Yong-Zhong Qian seine laufende Zusammenarbeit mit mehreren Forschungsgruppen in Deutschland vertiefen, - auch, um in der neuen Ära der Multi-Messenger-Astrophysik neue Signaturen der Nukleosynthese aufzudecken. Seine Expertise wird außerdem dazu beitragen, Schlüsselexperimente für FAIR zu definieren. „Die Zusammenarbeit mit Professor Qian wird unsere Forschung zur Entstehung der Elemente im Universum entscheidend voranbringen. Seine theoretischen Arbeiten ergänzen perfekt die experimentellen Möglichkeiten, die GSI und künftig auch FAIR bieten werden“, sagte Professor Gabriel Martínez-Pinedo.
Der zweite Humboldt-Preisträger wird ab Herbst bei GSI/FAIR zu Gast sein. Begleitet wird Dr. Peter Jacobs bei seinem Aufenthalt vor Ort von Dr. Ralf Averbeck, dem stellvertretenden Leiter der ALICE-Forschungsabteilung bei GSI/FAIR. Dr. Peter Jacobs ist einer der führenden Wissenschaftler in der experimentellen Erforschung stark wechselwirkender Materie bei höchsten Energiedichten, dem Quark-Gluon-Plasma (QGP) – einem Zustand der Materie, in dem sich das Universum in den ersten Mikrosekunden nach dem Urknall befand. Er nutzt dabei Kernkollisionen an den energiereichsten Beschleunigeranlagen weltweit und hat hierbei die Entwicklung neuer experimenteller Ansätze vorangetrieben. Ein Schwerpunkt von Jacobs‘ Arbeit liegt auf der Physik von Jets, den hadronischen Überresten hochenergetischer Quarks und Gluonen. Sie sind einzigartige Indikatoren für die Struktur und Dynamik des QGP („Jet-Quenching“). Auf experimenteller Ebene stellen präzise Messungen von Jets in der komplexen Umgebung von Kernkollisionen eine außerordentliche Herausforderung dar.
Als Gründungsmitglied des STAR-Experiments am Brookhaven National Laboratory in den USA hat Jacobs maßgeblich zur Entdeckung des Jet-Quenching beigetragen: Er leitete Anfang der 1990er Jahre die Entwicklung des STAR-Programms zur Jet-Physik, das zur ersten Anwendung des Jet-Quenchings zur Quantifizierung der Eigenschaften des QGP führte. Diese Entdeckung prägte auch das Schwerionenprogramm am Large Hadron Collider (LHC) des CERN und etablierte dort ebenfalls die Jet-Quenching-Messungen als zentralen Bestandteil. Seit 2006 spielt Jacobs im ALICE-Experiment eine zentrale Rolle in der Jet-Physik am CERN.
Ein besonderes Anliegen von Dr. Peter Jacobs ist die theoretische Interpretation von Schwerionen-Daten und die Quantifizierung der Eigenschaften des QGP. Er ist Mitbegründer der JETSCAPE-Kollaboration, einem Zusammenschluss von Schwerionentheoretikern und -experimentatoren, Datenwissenschaftlern und Informatikern. Die Kollaboration hat ein Rahmenwerk für die Modellierung von Schwerionenkollisionen entwickelt, ergänzt durch eine Bayes’sche Inferenzanalyse, um komplexe Modellberechnungen mit einer breiten Palette von Daten zu vergleichen. Dr. Peter Jacobs entwickelt weiterhin neuartige Instrumente und Analyseansätze zur Untersuchung sowohl des Quark-Gluon-Plasmas als auch der tiefen Gluonstruktur von Hadronen („Gluon-Sättigung“).
Jacobs arbeitet eng mit den ALICE-Gruppen bei GSI in Darmstadt und an der Universität Heidelberg zusammen: Ziel der Zusammenarbeit ist es, entsprechenden Messungen im Hinblick auf neue Beobachtungsmöglichkeiten weiter zu verbessern.
Während seines Aufenthalts bei GSI/FAIR wird Dr. Peter Jacobs seine Arbeit an neuen Messmethoden für Jets und an der Optimierung von Bayes‘schen Inferenzmethoden weiter vorantreiben. Sein Ziel ist es, das Verständnis von stark wechselwirkender Materie unter extremen Bedingungen zu vertiefen – ein zentrales Thema, das auch an FAIR erforscht werden wird. „Dr. Jacobs‘ Expertise in der Jet-Physik und seine innovativen Ansätze zur Datenanalyse werden unsere Experimente entscheidend bereichern. Seine Arbeit ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Theorie und Experiment Hand in Hand gehen müssen, um die Geheimnisse der starken Wechselwirkung zu entschlüsseln“, sagte Dr. Ralf Averbeck. (BP)
Der Humboldt-Forschungspreis
Die Alexander von Humboldt-Stiftung verleiht den Humboldt-Forschungspreis jährlich an international herausragende Wissenschaftler*innen aus dem Ausland. Die Preisträger*innen werden als führende Forschungspersönlichkeiten für ihr bisheriges Gesamtschaffen ausgezeichnet. Sie erhalten die Möglichkeit, selbst gewählte Forschungsvorhaben an einer wissenschaftlichen Einrichtung in Deutschland mit den dortigen Fachkolleg*innen umzusetzen.
https://www.humboldt-foundation.de/bewerben/foerderprogramme/humboldt-forschungspreis












