Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen

Arbeitsrechtlich wird die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung (GBU) psychischer Belastungen seit 2013 ausdrücklich vom Arbeitsschutzgesetz §5 (3) gefordert. Die Bedeutung für den Arbeitgeber liegt vor allem darin, Fehlzeiten und Leistungseinbußen, die aus übermäßigen psychischen Belastungen der Mitarbeiter/innen resultieren, zu vermeiden oder zu verringern. Dabei geht es darum Belastungsfaktoren zu identifizieren und zu vermindern, die aus der Gestaltung und Organisation der Arbeit, sowie aus sozialen Faktoren resultieren. Es geht dabei nicht um Maßnahmen zur individuellen Gesundheitsförderung, sondern um Verhältnisprävention.

Durchgeführt wird die GBU psychischer Belastungen üblicherweise mit einer Kombination von Mitarbeiterbefragungen und sogenannten „Lösungsworkshops“, in denen die Mitarbeiter/innen mit Hilfe eines/einer Moderators / Moderatorin Belastungen präzisieren und (realistische) Verbesserungsvorschläge erarbeiten, die dann mit der jeweiligen Führungskraft besprochen werden.

Psychische Erkrankungen liegen aktuell bundesweit und auch bei der GSI auf Platz 3 der Diagnosegruppen bei Krankschreibungen (auf die Zahl der Fehltage gerechnet). Studien zeigen dass 28% der erwachsenen deutschen Bevölkerung innerhalb eines Jahres an einer psychischen Störung leiden (1-Jahresprävalenz). Dabei kommen am häufigsten Depressionen, Suchterkrankungen und Angststörungen vor (Möller, Laux, & Deisler , 2015, S. 14 ff.). Diese Störungen treten vermehrt im Zusammenhang mit psychischen Belastungen bzw. Stress auf:

 

  • Depressionen können das Endstadium eines Burn-Out Prozesses sein oder durch Stress begünstigt bzw. verstärkt werden.
  • Suchtmittel werden häufig konsumiert um unangenehme Gefühle (Stress) zu betäuben und sich zu entspannen.
  • Ist das Anspannungsniveau durch Stress bereits dauerhaft erhöht, kommt es leichter zu überschießenden Angstreaktionen wie Panikattacken oder bestimmten Phobien.

 

Zusätzlich kann eine Vielzahl von körperlichen Erkrankungen durch psychische Belastungen ausgelöst oder verstärkt werden, wie z.B. Herz-Kreislauferkrankungen, Störungen des Verdauungssystems und Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems (z.B. aufgrund langanhaltender Fehlanspannungen/ Verspannungen).

Obwohl es unstrittig ist, dass übermäßiger Stress die Häufigkeit dieser Erkrankungen erhöht,  gibt es dennoch keine genauen Zahlen darüber, wie viele davon tatsächlich durch psychische Belastungen bei der Arbeit verursacht werden. In der Regel wirken mehrere Faktoren zusammen. So geht man z.B. beim Burnout davon aus, dass neben der Arbeitssituation auch die Persönlichkeit und die genetische Veranlagung eine Rolle spielen. Bei ansteigender Belastung erkranken zuerst diejenigen, die besonders anfällig für die jeweilige Erkrankung sind und die, aus welchem Grund auch immer, einer besonders hohen Belastung ausgesetzt sind. Unabhängig von möglichen Erkrankungen, Fehltagen und gesetzlichen Vorschriften ist klar, dass Mitarbeiter, die unter großen Belastungen leiden oft Einbußen sowohl bei ihrer Leistungsfähigkeit als auch der Leistungsbereitschaft haben. Daher liegt es im Interesse aller Beteiligten, die psychischen Gefährdungen zu ermitteln, zu beurteilen und geeignete Maßnahmen umzusetzen, um diese zu verringern. Dabei steht ihnen die Abteilung Sicherheit und Strahlenschutz (SiSt) unterstützend zur Seite.

Psychische Belastungen sind Einflüsse von außen, welche Auswirkungen auf die Psyche des Menschen haben (BAuA, 2014, S. 20 ff.). Die psychische Beanspruchung ist die unmittelbare (nicht langfristige) Auswirkung dieser Einflüsse auf das Individuum. Belastungsfaktoren sind die verschiedenen arbeitsbedingten Einflüsse, die zu psychischer Beanspruchung führen können. Stress ist eine mögliche Form psychischer Beanspruchung, ebenso wie verschiedene Arten von Ermüdungszuständen oder körperlicher Beschwerden. Langfristige Beanspruchungsfolgen können z.B. die oben genannten Erkrankungen sein.

Dieses sogenannte „Belastungs-/ Beanspruchungsmodell“ wird vorwiegend im Bereich des betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutzes verwendet. Zum besseren Verständnis ist es sinnvoll dieses Konzept mit dem sogenannten „transaktionalen Stressmodell“ in Beziehung zu setzen, das im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention, z.B. bei Stressmanagement-Kursen, verwendet wird (vgl. Kaluza, 2011, S. 33 ff.):

Ausgangspunkt des Stressgeschehens ist in diesem Modell ein Stressor, eine auf die Person einwirkende Leistungsanforderung oder ein Problem. Dieses wird von der Person bewertet. In der primären Bewertung wird die Situation daraufhin eingeschätzt, ob sie eine mögliche Bedrohung darstellt. In der sekundären Bewertung nimmt das Individuum eine Einschätzung vor, ob die vorhandenen Ressourcen/ Fähigkeiten zur Bewältigung ausreichen. Eine Stress-Reaktion erfolgt dann, wenn die Situation als potenziell bedrohlich und die Ressourcen als möglicherweise nicht ausreichend bewertet werden. Stress ist in diesem Kontext definiert als eine unangenehme innere Anspannung, die auftritt, wenn man befürchtet eine potentiell bedrohliche Situation nicht bewältigen bzw. kontrollieren zu können ( vgl. Nerdinger, Blickle, & Schaper, 2014, S. 519). Also im Grunde eine Form von Angst. Stressoren sind psychische Belastungen, die Stress erzeugen können.

Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen geht es hauptsächlich darum, die Belastungen/ Stressoren zu ermitteln und durch Maßnahmen der Verhältnisprävention zu verringern.

Man konzentriert sich also auf die Gestaltung der Arbeitsbedingungen, nicht auf die individuelle Gesundheitsförderung oder spezifische Eigenschaften des Individuums.

Daher ist es sinnvoll ergänzend weitere Maßnahmen z.B. im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements anzubieten:

  • Zur Verringerung der Stress-Reaktion bieten sich z.B. Autogenes Training, Yoga oder Meditation an.
  • Die individuellen Bewertungen können im Rahmen von Stressmanagement-Trainings identifiziert und positiv beeinflusst werden.

 

Üblicherweise werden die Belastungsfaktoren in fünf Merkmalsbereiche eingeteilt. Diese sind verkürzt in nachstehender Tabelle dargestellt.

 Merkmalsbereiche

 Belastungsfaktoren

Arbeitsinhalt

Handlungsspielraum, Abwechslungsreichtum, Vollständigkeit der Aufgabe, Informationsangebot,

Verantwortung, Qualifikation,emotionale Inanspruchnahme

Arbeitsorganisation

Arbeitszeit, Arbeitsintensität, Zeit- und Leistungsdruck, Störungen/ Unterbrechungen,

Kommunikation/ Kooperation

Soziale BeziehungenBeziehungen zu Kollegen und Vorgesetzten
ArbeitsumgebungPhysikalische und chemische Faktoren, Arbeitsplatzgestaltung, Arbeitsmittel
Neue ArbeitsformenAtypische Arbeitsverhältnisse, räumliche Mobilität, zeitliche Flexibilisierung

 

In vielen Fällen sind die folgenden vier Faktoren besonders relevant (vgl. BAuA, 2014, S. 32):

  • Arbeitsintensität:  Arbeitsmenge, Zeit- und Leistungsdruck
  • Handlungsspielraum: Entscheidungsspielräume, eigenständige Gestaltung der Arbeitsweise und Zeiteinteilung
  • Soziale Unterstützung: Rückhalt und Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte
  • Arbeitszeit: Dauer und Verteilung (Schichtarbeit, Rufbereitschaft)

 

Psychische Belastungen ergeben sich somit nicht nur durch hohe Arbeitsintensität und Zeitdruck, sondern auch durch Arbeitsgestaltung, Arbeitsorganisation und soziale Faktoren. Speziell hier können Führungskräfte eingreifen: „An den Belastungen ihrer Mitarbeiter können Führungskräfte oft nicht viel ändern, wohl aber an den Ressourcen.“ (Matyssek, 3. Auflage, 2012, S. 33)

Die übliche Vorgehensweise zur Ermittlung der psychischen Belastungen (BG ETEM, 2019) besteht darin, zunächst eine Grobanalyse mittels einer Mitarbeiterbefragung innerhalb der jeweiligen Organisationseinheit durchzuführen. Alternativ oder als Ergänzung dazu kann auf bereits stattgefundene Befragungen, sowie andere Quellen wie Fehlzeitenreports der Krankenkassen oder die Einschätzung der jeweiligen Führungskraft zurückgegriffen werden.

Zur detaillierten Analyse und zum Entwickeln von Lösungs- und Verbesserungsvorschlägen werden dann moderierte „Lösungsworkshops“ durchgeführt.  Dabei sollte eine ausreichende Anzahl der Mitarbeiter/innen (6-12) unter Anleitung eines/ einer internen oder externen Moderators/ Moderatorin die Belastungen präzisieren und mögliche Verbesserungen erarbeiten.

Bei GSI ist geplant zunächst ein Pilotprojekt mit (mindestens) fünf Organisationseinheiten durchzuführen. Dazu dienen die Ergebnisse der Mitarbeiterbefragung von Ende 2017 als Ausgangspunkt:

„So ergab die Auswertung der Multiple Choice Fragen, dass ein größerer Anteil der Mitarbeiter Ermüdung bzw. Erschöpfung empfindet z. T. verbunden mit Schlafstörungen und Nervosität. Als Belastung werden vor allem Probleme in den Bereichen der Arbeitsorganisation (Klarheit bezüglich Verantwortlichkeiten, Aufgaben etc.) und der Personalführung wahrgenommen.“

(Auszug aus der Mitteilung der Geschäftsführung vom 12. Juni 2018)

 

Darauf aufbauend werden pro Organisationseinheit zwei Workshops mit Hilfe externer Moderatoren/Moderatorinnen durchgeführt. Die Ergebnisse und Handlungsempfehlungen werden von uns (Sicherheit und Strahlenschutz) zusammengetragen und in geeigneter Weise der Geschäftsführung vorgestellt, insbesondere im Hinblick auf die Maßnahmen, die nicht von einer Organisationseinheiten allein umgesetzt werden können.

 

Nach dem Pilotprojekt ist geplant, nach und nach die GBU bei allen anderen Organisationseinheiten durchzuführen. Dies wird voraussichtlich mit internem Personal geschehen, d.h. in Zusammenarbeit der Abt. SiSt mit den jeweiligen Führungskräften.

Für die Mitarbeiterbefragungen stellt unsere Berufsgenossenschaft BG ETEM ein Online Tool zur Verfügung, das Befragungen generiert und automatisch (selbstverständlich anonym) auswertet. Dieses findet sich unter https://gbpb.bgetem.de . Falls die Befragung ergibt, dass Belastungen bestehen und somit Lösungsworkshops sinnvoll sind, können diese ebenfalls in Zusammenarbeit von Sist mit den Führungskräften durchgeführt werden.

  • BAuA. (2014). Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung. (B. f. Arbeitsmedizin, Hrsg.) Berlin: Erich Schmidt Verlag.
  • BG ETEM. (März 2019). GzgA in mittleren und großen Betrieben. Von https://www.bgetem.de/arbeitssicherheit-gesundheitsschutz/themen-von-a-z-1/psychische-belastung-und-beanspruchung/gemeinsam-zu-gesunden-arbeitsbedingungen-beurteilung-psychischer-belastung/gbpb-in-grossbetrieben abgerufen
  • Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. (19.. November 2015). Leitlinie Beratung und Überwachung bei psychischer Belastung am Arbeitsplatz. Berlin.
  • Kaluza, G. (2011). Stressbewältigung, 2. Auflage. Berlin Heidelberg: Springer Verlag.
  • Matyssek, A. K. (3. Auflage, 2012). Führung und Gesundheit. Norderstedt: Books on Demand GmbH.
  • Möller, H. J., Laux, G., & Deisler , A. (2015). Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Stuttgart: Georg Thieme Verlag KG.
  • Nerdinger, F. W., Blickle, G., & Schaper, N. (2014). Arbeits- und Organisationspsychologie, 3. Auflage. Berlin Heidelberg: Springer Verlag.