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| Der andere Weg zur Kernfusion |
         
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Der andere Weg zur Kernfusion
Mit der für den
SIS-Beschleuniger vorgesehenen Intensitätserhöhung wird in den nächsten
Jahren in der Plasmaforschung völliges Neuland erschlossen. Es wird
möglich sein, die Eigenschaften von Materie unter extremen Bedingungen
bei Drücken von mehreren Megabar und Temperaturen bis zu einigen
hunderttausend Kelvin zu untersuchen. Schon die jetzt vorliegenden
Ergebnisse lassen die Trägheitsfusion als eine technisch mögliche
Alternative zur Kernfusion in Tokamaks und Stellaratoren erscheinen.
Die GSI beteiligt sich mit Blick auf diese Zukunftsoption an einer
europäischen Studiengruppe, die die technische Realisierbarkeit eines
Schwerionentreibers prüfen und dazu einen konkreten Projektvorschlag
erarbeiten soll.
Auf hohe Energie beschleunigte
schwere Ionen sind sehr effiziente Energieträger und aufgrund ihrer
Wechselwirkungseigenschaften in idealer Weise geeignet, in Materie hohe
Energiedichten zu erzeugen. Die hohen Kernladungszahlen bewirken eine
sehr effektive Energiedeposition, und die Reichweite in Materie läßt
sich über die Energie der Ionenstrahlen präzise einstellen. Damit
ermöglichen sie einen neuen Zugang zur Erzeugung dichter Plasmen und
erlauben es, die Eigenschaften der Materie unter extremen Bedingungen
von Druck und Temperatur im Labormaßstab unter reproduzierbaren
Bedingungen zu erforschen.
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Ein Strahl von Neon-Ionen dringt mit einer Energie von 300 MeV pro
Nukleon in einen Glaskörper ein.Entlang der Teilchenbahn wird die
Energie sehr homogen deponiert und führt zu einer gleichmäßigen
Volumenaufheizung. Erst kurz vor dem Abstoppen der Ionen, im
sogenannten Bragg-Maximum, kommt es aufgrund erhöhter Energiedeposition
zu einer starken Aufheizung des Targetmaterials.
Oben kann man das Bild der schnellen Lichtwandlerkamera
sehen, unten die Auswertung der detektierten Lichtstärken entlang der
Bahn in relativen Einheiten. |
So hat die Untersuchung von Wechselwirkungsprozessen schwerer
Ionen mit ionisierter Materie durch die Entwicklung und den Ausbau der
Beschleunigeranlagen der GSI neue entscheidende Impulse erhalten. Es
stehen nunmehr Schwerionenstrahlen in einem weiten Energiebereich zur
Verfügung, von 45 keV pro Nukleon bis über 1 GeV pro Nukleon, so daß
über die Energie auch die Reichweite der Ionen in Materie variiert
werden kann. Beispielsweise dringt ein Strahl von Neon-Ionen (Ne10+)
mit einer Energie von 300 MeV pro Nukleon fast 50 mm tief in einen
Glaskörper ein.
Das entlang der Wechselwirkungsstrecke erzeugte Licht ist ein
Maß für die deponierte Energie und läßt sich mit einer schnellen
Lichtwandlerkamera aufnehmen. Über einen weiten Bereich wird die
Energie sehr gleichmäßig deponiert und führt zu einer homogenen
Aufheizung des Targetvolumens. Am Ende kommt es jedoch zu einer lokal
stärkeren Aufheizung durch erhöhte Energiedeposition - das
Bragg-Maximum.
Tieferes Verständnis der Wechselwirkungsprozesse von Ionen
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Zündung einer Wasserstoffentladung zur Untersuchung der Wechselwirkung
von Uran-Ionen mit einem Plasma. Mit dieser Anordnung konnte zum ersten
Mal der erhöhte Energieverlust von schweren Ionen beim Durchgang durch
ein Plasma nachgewiesen werden. |
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Das Diagramm zeigt den theoretischen Verlauf der in einem
Festkörpertarget erreichten Temperaturen als Funktion der eingebrachten
Leistungsdichte. Die für die plasmaphysikalischen Untersuchungen
besonders interessanten Bereiche sind durch Pfeile angedeutet. Die für
einen Fusionstreiber erforderlichen Leistungsdepositionen liegen um
zwei bis drei Größenordnungen über den am SIS erreichbaren Werten,
können aber bereits mit der nächsten Generation von
Hochstrom-Ionenbeschleunigern in den Bereich des technisch Machbaren
rücken. |
Ziel der bisherigen Untersuchungen ist ein tieferes Verständnis der
Wechselwirkungsprozesse von Ionen mit heißer ionisierter Materie. Für
einen großen Energiebereich wurde der Energieverlust von Ionen in einem
vollständig ionisierten Plasma und der Einfluß der ionisierten Materie
auf die Ladungsverteilung der das Plasma durchquerenden Ionen gemessen.
Dabei hat sich gezeigt, daß sowohl die Ladungsverteilung als
auch der Energieverlust in starkem Maße vom Ionisationsgrad, der
Temperatur und der Dichte des Plasmas abhängen und die Energieverluste
im Plasma stets höher sind als im kalten Gas. Dieser Effekt ist bei
kleinen Ionenenergien besonders ausgeprägt. Hier wird im Plasma ein
fast 40fach höherer Energieverlust als für das entsprechende kalte
Wasserstoffgas beobachtet. Die Ursache dafür ist die effektivere
Energieübertragung auf die freien Elektronen im Plasma und der höhere
Ladungszustand der Projektil-Ionen, der sich im Plasma einstellt.
In den kommenden Jahren wird im Rahmen eines
Intensitäts-Erhöhungsprogramms für schwere Ionen eine Steigerung der im
SIS beschleunigten Ströme um mehr als zwei Größenordnungen angestrebt.
Damit können die in Festkörpern erzeugten Leistungsdichten von
gegenwärtig etwa 0.1 TW/g (Terrawatt pro Gramm) auf Werte um 10 TW/g
gesteigert werden. Temperaturen von 20 bis 30 eV - oder umgerechnet
etwa 200000 bis 350000 K (Kelvin) - werden erreichbar. In Verbindung
mit den hohen Teilchendichten der im Festkörper erzeugten Plasmen
eröffnet dies den Zugang zu bisher unerforschten Regionen der
Plasmaphysik.
So kann die Zustandsgleichung von »normaler« Materie - im
Gegensatz zur Kernmaterie - unter extrem hohen Drücken von mehreren
Megabar (Mbar) und extrem hohen Temperaturen untersucht werden. Auf
diese Weise sollte es beispielsweise möglich sein, metallischen
Wasserstoff zu erzeugen. Bei Temperaturen oberhalb von 10 eV werden in
den heißen dichten Plasmen hydrodynamische Phänomene erwartet. In der
Gegend um und oberhalb von 30 eV sollte schließlich die
Strahlungsphysik einsetzen, das heißt, es sollte sich Hohlraumstrahlung
beobachten lassen. Das SIS wird somit in den nächsten Jahren völliges
Neuland auf dem Gebiet der Plasmaforschung erschließen.
Die damit möglich gewordenen Untersuchungen sind aber nicht
nur für die physikalische Grundlagenforschung interessant. Sie
beinhalten darüber hinaus wichtige Vorarbeiten für das technologische
Fernziel eines nach dem Prinzip der Trägheitsfusion betriebenen
Fusionsreaktors, englisch: »Inertial Confinement Fusion (ICF)«. Von dem
Ziel der Zündung eines Fusionstargets sind die am SIS erreichbaren
Leistungsdichten freilich noch um zwei bis drei Größenordnungen
entfernt. Die hierfür erforderlichen Spezifikationen könnten jedoch
bereits mit der nächsten Generation von Hochstrom-Ionenbeschleunigern
erreicht werden.
Bisher wurden in erster Linie Hochleistungslaser und
Kurzpuls-Leichtionen-Beschleuniger als Treiber eines ICF-Reaktors
diskutiert. Forschungsergebnisse der jüngsten Zeit haben jedoch
gezeigt, daß Schwerionen-Beschleuniger bei weitem am geeignetsten sind.
Das gilt insbesondere, wenn der Reaktor unter wirtschaftlichen
Gesichtspunkten zur Energieerzeugung eingesetzt werden soll. Der
Vorteil von Schwerionen-Beschleunigern besteht vor allem in der hohen
Repetitionsrate für die Erzeugung intensiver Ionenpulse und dem hohen
Wirkungsgrad für die Umsetzung von Netzleistung in Ionenstrahl-Energie.
Weitere Vorteile sind durch die spezifischen Eigenschaften der
Schwerionenstrahlen begründet. Im Gegensatz zu Laserstrahlen dringen
sie in das Volumen des Targetmaterials ein und ermöglichen damit dessen
effektive Aufheizung, und im Gegensatz zu Leichtionenstrahlen aus
Pulsleistungsbeschleunigern können intensive Schwerionenstrahlen gut
fokussiert werden.
Ziel der Fusionsforschung ist es, in kontrollierter Weise
Energie aus thermonuklearen Fusionsprozessen zu gewinnen. Von den
vielen möglichen Fusionsreaktionen ist die Verschmelzung der
Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium am einfachsten zur
Energiegewinnung zu nutzen, denn sie läuft schon bei Temperaturen von
50 Millionen Grad mit einem vergleichsweise hohen Reaktionsquerschnitt
ab. Dazu muß der Fusionsbrennstoff aus Deuterium und Tritium (D und T)
auf diese hohe Temperatur aufgeheizt und so lange zusammengehalten
werden, bis ein erheblicher Bruchteil miteinander reagiert hat und
dabei mehr Energie freigesetzt wird, als zum Aufheizen eingesetzt
wurde.
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Bei der indirekten Heizung wird das Fusionstarget von zwei Seiten einer
intensiven Schwerionenbestrahlung ausgesetzt. Im Konvertermaterial wird
die Energie der Schwerionenstrahlung dann in Hohlraumstrahlung - eine
weiche Röntgenstrahlung - umgewandelt. Unter Einwirkung dieser
Strahlung verdampft die Hülle des Targets explosionsartig und
verdichtet den Fusionsbrennstoff im Innern der Hohlkugel durch ihre
nach innen geschleuderten Bestandteile. Die damit verbundene
kugelsymmetrische Implosion erzeugt die zur Einleitung des
Fusionsprozesses notwendigen hohen Temperaturen und Dichten. |
Die Trägheitsfusion verläuft nach folgendem Prinzip: Das
DT-Gemisch ist im inneren Wandmaterial einer Hohlkugel von einigen
Millimetern Durchmesser eingeschlossen. Diese wird einer intensiven
Strahlung ausgesetzt, so daß das schlagartig aufgeheizte Wandmaterial
explosionsartig verdampft und dabei der Fusionsbrennstoff durch
Rückstoß nach innen beschleunigt wird.
Durch die kugelsymmetrische Implosion wird der DT-Brennstoff
im Zentrum hoch verdichtet und auf die zur Einleitung der
Fusionsprozesse notwendige Temperatur gebracht. Dabei hält die
Massenträgheit das Plasma bei hoher Verdichtung ohne zusätzliche
Magnetfelder für kurze Zeit zusammen. Es kommt nur darauf an, die
Dynamik dieses Prozesses so zu steuern, daß ein zentraler Bereich hoher
Temperatur entsteht, damit es dort zur Zündung der Fusionsreaktionen
kommt.
Dieser »gezündete« Bereich des Plasmas breitet sich dann
aufgrund der einsetzenden Selbstheizung weiter aus und erfaßt
schließlich einen großen Teil des gesamten Brennstoffs. Das geschieht
durch die als Fusionsprodukte entstehenden Heliumkerne und in geringem
Maße auch durch die bei den Verschmelzungsreaktionen freigesetzten
Neutronen. Die Verdichtung des DT-Gemisches muß Werte von über 200
g/cm3 erreichen, also etwa die tausendfache Dichte von flüssigem DT. Um
diesen Prozeß in einem Fusionstarget zu initiieren, ist ein
Strahlungspuls mit einem Energieinhalt von einigen Megajoule (MJ)
notwendig.
Die Aufheizung des Wandmaterials des Fusionstargets kann
sowohl direkt als auch indirekt erfolgen, also durch unmittelbare
Bestrahlung mit einem intensiven Puls schwerer Ionen oder durch
Aufheizen eines Konvertertargets, das die umgewandelte
Strahlungsenergie an das Brennstoffgemisch in seinen Hohlraum abgibt.
Für beide Fälle ist es wichtig, die grundlegenden
Wechselwirkungsmechanismen von schweren Ionen mit heißer ionisierter
Materie zu verstehen.
Strahlpulse von mehr als 1000000000000000 Ionen
Die
Anforderungen an einen Fusionsbeschleuniger sind sehr hoch. Innerhalb
von 10 Nanosekunden (ns) muß eine Energie von etwa 5 bis 10 MJ in der
äußeren Wand beziehungsweise in der Konverterregion des Fusionstargets
deponiert werden, um diese auf 300 eV aufzuheizen. Bei einer
kinetischen Energie von 10 GeV (bei Wismut-Ionen entspricht dies 50 MeV
pro Nukleon) sind dazu Strahlpulse mit einer Intensität von mehr als
1015 Ionen notwendig. Der fortgeschrittene Stand der
Beschleunigerphysik sowie neue Techniken und Ideen, solche intensiven
Ionenpulse zu erzeugen, zu transportieren und auf ein Target zu
fokussieren, lassen es möglich erscheinen, diese Parameter in einem
zukünftigen dedizierten Schwerionentreiber zu erreichen.
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Im Hinblick auf die Erzeugung hoher Intensitäten kommt der Entwicklung
und Optimierung neuer Linearbeschleunigerstrukturen besondere Bedeutung
zu. Die Aufnahme zeigt eine bei GSI gebaute IH-Struktur, die nun für
die Beschleunigung hoher Teilchenströme modifiziert werden soll. |
So steht die Beschleunigerphysik vor einer großen
Herausforderung, der sie sich im Rahmen eines breit angelegten
Programms der physikalischen Grundlagenforschung bei der GSI und an
anderen führenden Beschleunigerlaboratorien stellt, um die
Möglichkeiten und Perspektiven der mit Ionenstrahlen betriebenen
Trägheitsfusion zu untersuchen.
Mit Blick auf dieses Fernziel beteiligt sich die GSI an einer
europäischen Studiengruppe, die in den kommenden drei Jahren die
technische Realisierbarkeit eines solchen Schwerionentreibers prüfen
und dazu einen konkreten Projektvorschlag ausarbeiten soll.
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