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Schwerionen als chirurgisches Skalpell

Das Wissen um die biologische Wirkung ionisierender Strahlung ist von grundlegender Bedeutung für viele Bereiche in der Medizin, Technik und Strahlenschutz, auch bei der Strahlentherapie von Tumoren. Schwerionen erweisen sich bei solchen Untersuchungen aus vielerlei Gründen als besonders geeignet. Außerdem besitzen sie am Ende ihrer Bahn erhebliche Vorteile bei der Abtötung von Tumorzellen. Dies hat in Darmstadt zum Aufbau einer experimentellen Strahlentherapie-Einheit geführt, an der ab Mitte 1996 die ersten Patientenbehandlungen durchgeführt werden sollen.

Bereits seit den Anfängen der GSI gibt es eine starke Arbeitsgruppe Biophysik mit dem Ziel, die biologische Wirkung von schweren Ionen zu erforschen und, darauf aufbauend, Möglichkeiten für eine Verbesserung der Strahlentherapie zu untersuchen. Dies ist nicht zuletzt der Weitsicht der GSI-Gründer zu verdanken, die 1969 in der Satzung festlegten, daß »die Wirkung von schweren Ionen in der belebten und unbelebten Natur« untersucht werden sollte. So konnten zeitgleich mit den Experimenten der Kernphysik und Atomphysik auch erste Experimente zur Biophysik durchgeführt werden.

Lokale Dosisverteilung
Schematische Darstellung der unterschiedlichen lokalen Dosisverteilung von Röntgen- und Ionenstrahlen (normiert auf die gesamte deponierte Dosis). Während Röntgenstrahlen ihre Energie sehr gleichmäßig verteilt abgeben (oben), ist die Dosis bei Ionenstrahlen auf sehr schmale Bereiche um die Flugbahn der Ionen konzentriert (unten). Zum Vergleich ist die Größe eines Zellkerns eingezeichnet. Die Ausschnittsvergrößerung im oberen Bild zeigt schematisch die typische Struktur des DNA-Doppelstrangs, die Doppelhelix, deren Durchmesser etwa 2 nm beträgt.
Die Besonderheit von Ionenstrahlen im Vergleich zu anderen Strahlenarten wie Röntgen- oder Elektronenstrahlen liegt in der räumlichen Verteilung ihrer Energiedeposition. In einer dünnen Schicht von Zellen beispielsweise geben Röntgenstrahlen ihre Energie sehr gleichmäßig über die gesamte bestrahlte Schicht ab. Ionen dagegen deponieren die Energie konzentriert in einem sehr schmalen Bereich um ihre Flugbahn herum. Die typische radiale Ausdehnung solcher Bahnspuren liegt bei einigen Mikrometern. Biologische Strahleneffekte in Zellen sind häufig die Folge einer Schädigung der genetischen Erbinformation, die im Zellkern in Form des DNA-Doppelstrangs vorliegt. Entscheidend für das Verständnis der biologischen Strahlenwirkung ist daher die Kenntnis der Dosisverteilung im Zellkern.

Die drastisch erhöhten lokalen Energiedepositionen von schweren Ionen im Vergleich zu Röntgenstrahlen haben eine erhöhte biologische Wirksamkeit zur Folge. Da außerdem die lokale Energiedeposition - und damit die Effektivität - durch die Wahl der Ionensorte und Strahlenergie in einem weiten Bereich verändert werden können, eignen sich schwere Ionen besonders gut zur Untersuchung der grundlegenden Mechanismen von Strahlenschädigungen.



Den speziellen Teilcheneffekt aufgeklärt
Durch systematische Versuchsreihen an insgesamt mehr als 100000 biologischen Proben verschiedenster Kulturen - von Viren über einfache Bakterien bis hin zu Säugetierzellen - konnte der spezielle Teilcheneffekt über eine genaue Analyse der mikroskopischen Dosisverteilung in der Bahnspur weitgehend aufgeklärt werden. Darauf aufbauend gelang es in den letzten Jahren, ein Modell zu entwickeln, mit dem die biologische Wirksamkeit in Abhängigkeit von der »Strahlenqualität« - das heißt der Ionensorte, Teilchenenergie und der spezifischen Energiedeposition in der Bahnspur - bestimmt werden kann.

Diagramm Inaktivierung
Die Wahrscheinlichkeit einer Inaktivierung von Säugetierzellen für verschiedene Ionen in Abhängigkeit vom LET, dem Maß für die Energiedeposition eines Ions beim Durchgang durch Materie. Die Symbole stellen die experimentell ermittelten Werte dar, während die durchgezogenen Linien die Vorhersagen von Modellrechnungen wiedergeben.
Arbeitsplatz Biophysik
Nur bei oberflächlicher Betrachtung erscheint ein so typisch biologisches Bild für ein physikalisches Forschungszentrum ungewöhnlich. In der GSI-Arbeitsgruppe Biophysik besteht eine intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen wie Biochemie, Biologie und Physik zur Aufklärung der strahlenbiologischen Wirksamkeit von Schwerionen.
In der folgenden Abbildung ist dies anhand der Inaktivierung von Säugetierzellen, das heißt, des strahlenbedingten Verlustes der Teilungsfähigkeit der Zellen, demonstriert. Bei der Behandlung von tumorösem Gewebe ist dies gerade der gewünschte Effekt.

Eine wesentliche Stütze dieser Modellrechnungen bildeten neben den strahlenbiologischen Experimenten die physikalischen Untersuchungen zur Energiedeposition von geladenen Teilchen. Dies unterstreicht die Bedeutung der in der Arbeitsgruppe Biophysik betriebenen interdisziplinären Zusammenarbeit von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen wie Biochemie, Biologie und Physik bei der Aufklärung strahlenbiologischer Effekte.

Die hierbei erzielten großen Fortschritte waren eine wesentliche Vorbedingung für das bei der GSI gegenwärtig im Aufbau befindliche Therapieprojekt, in dessen Rahmen ab Mitte 1996 erste Patientenbehandlungen durchgeführt werden sollen.

Tumoren, die sich noch in einem lokalisierten Stadium befinden, werden als heilbar betrachtet. Dennoch versagen bei etwa 20% der Patienten die heute in der konventionellen Strahlentherapie verfügbaren lokalen Behandlungsverfahren. Die Verbesserung der lokalen Tumorkontrolle ist aber durch eine präzisere Anpassung des Behandlungs- an das Zielvolumen erreichbar. In der herkömmlichen Therapie mit Photonen der Röntgen- und Gammastrahlung fällt die im Gewebe deponierte Dosis exponentiell mit der Eindringtiefe ab. Für einen tiefliegenden Tumor ist deshalb die Integraldosis im Tumor stets geringer als im umliegenden, gesunden Gewebe. Schwere geladene Teilchen unterliegen dagegen im Gewebe anderen Wechselwirkungen als Photonenstrahlen und ermöglichen durch ihre günstigen physikalischen und biologischen Eigenschaften die Optimierung des therapeutischen Effekts im Behandlungsvolumen bei signifikanter Verringerung der Belastung des umliegenden gesunden Gewebes.

Diagramm Dosisverteilung
Vergleich der physikalischen Dosisverteilung (oben) und der Überlebensrate von Zellen (unten) als Funktion der Eindringtiefe für Ionenstrahlen (Kohlenstoff der Energie 275 MeV pro Nukleon) und Gamma-Strahlen der Energie 20 MeV. Die erhöhte Energiedeposition am Ende der Teilchenstrahlen und die damit verbundene drastische Erniedrigung der Zellüberlebensrate macht Schwerionen zu einem hervorragenden Werkzeug für die Behandlung tiefliegender Tumoren.
Zu den günstigen physikalischen Eigenschaften gehören die geringe Seitenstreuung, die definierte Reichweite und der Anstieg der Energiedeposition am Ende der Teilchenspur. Schnelle Ionen werden beim Durchgang selbst durch dickere Gewebeschichten nur minimal abgelenkt. Beispielsweise beträgt für Kohlenstoff-Ionen bei einer Eindringtiefe von über 10 cm die seitliche Aufstreuung weniger als 1 mm. Ein weiterer Vorteil der Teilchenstrahlen für die Strahlentherapie ist das invertierte Tiefendosisprofil. Mit zunehmender Eindringtiefe des Teilchens steigt die Energiedeposition an und erreicht wenige Zehntelmillimeter vor dem kompletten Abstoppen einen extremen Spitzenwert, das nach dem britischen Physiker Sir William Bragg benannte Bragg-Maximum. Damit gekoppelt ist eine im »Bragg Peak« deutlich erhöhte biologische Wirksamkeit beziehungsweise eine drastisch erniedrigte Überlebensrate des in diesem Bereich liegenden Gewebes.

Die Reichweite der Teilchen läßt sich durch die Energie exakt festlegen, so daß es mit Schwerionen möglich ist, die Tumordosis bei hoher räumlicher Präzision zu steigern und gleichzeitig das umliegende, eventuell strahlensensible, gesunde Gewebe zu schonen. Diese Eigenschaft prädestiniert schwere Ionen für den Einsatz in der Strahlentherapie tiefliegender Tumoren.

Für Protonen wurde der therapeutische Nutzen bereits durch die Behandlung von weltweit etwa 15000 Patienten klinisch nachgewiesen. Für Ionen wird aufgrund der speziell im Tumorgewebe erhöhten biologischen Wirksamkeit ein zusätzlicher Gewinn erwartet, doch einer allgemeinen Einführung von Teilchenstrahlen in der Tumortherapie stand bis jetzt der hohe technische Aufwand entgegen, der nötig ist, um den Therapiestrahl bereitzustellen und die erforderliche Präzision in der Strahlführung zu erzielen. Da der Schwerionenstrahl in seiner zellabtötenden Wirkung einem chirurgischen Skalpell gleicht, muß er mit höchster Genauigkeit geführt werden.



Präzise Bestrahlung nach dem Rasterprinzip
Hierzu wurde bei der GSI die intensitätsgesteuerte Rasterscantechnik entwickelt, die eine extrem genaue Bestrahlung des Tumorgewebes erlaubt. Bei diesem Verfahren wird das Zielvolumen in Schichten gleicher Teilchenreichweite zerlegt.

Rasterscanverfahren
Schematische Darstellung des intensitätsgesteuerten Rasterscanverfahrens. Ein Zielvolumen (Tumor) wird in einzelne Schichten gleicher Reichweite aufgeteilt. Im Bild sind nur drei Schichten dargestellt; für eine echte Bestrahlung sind 20 bis 40 Schichten erforderlich, für die je eine der Eindringtiefe entsprechende Energie individuell eingestellt wird. Jede der Schichten wird mit dem Strahl - ähnlich der Führung des Elektronenstrahls in der Fernsehröhre - durch schnelle magnetische Ablenkung rasterförmig abgefahren. Dabei wird die Schreibgeschwindigkeit des Strahls so gesteuert, daß an jeder Position des Zielvolumens der vorberechnete biologische Effekt, also eine maximale Abtötung von Tumorzellen erreicht wird.
Donut
Mit einem Kohlenstoffstrahl von 270 MeV pro Nukleon wurde ein kugelförmiges Volumen von 6 cm Durchmesser in einer Wassertiefe von 9 bis 15 cm homogen bestrahlt. Dabei wurde die Zielgenauigkeit des von links eingeschossenen Ionenstrahls mit Hilfe von Kernspurdetektoren im Abstand von einigen Millimetern optisch sichtbar gemacht. Die Aufnahme zeigt, daß die Dosis sehr präzise auf das Zielvolumen konzentriert werden kann.
Beginnend mit der hintersten Schicht tastet der von schnellen Dipolmagneten geführte Strahl mit einer Energie, die Puls für Puls an die Gewebetiefe angepaßt wird, diese Schichten Scheibchen für Scheibchen rasterförmig ab. Das führt zu einer Vorbestrahlung von Teilen der weniger tief gelegenen Schichten, die dann bei der eigentlichen Bestrahlung berücksichtigt und ausgeglichen wird.

Jede Schicht muß also gezielt inhomogen bestrahlt werden, um im gesamten Zielvolumen eine gleichmäßige Wirkung zu erzielen. Dies wird erreicht, indem man die Geschwindigkeit des Therapiestrahls in Abhängigkeit von der Strahlintensität steuert und somit die applizierte Teilchenbelegung präzise kontrolliert. Mit dem Rasterscansystem können auf diese Weise dreidimensionale, irregulär geformte Volumina homogen bestrahlt werden (Abb. VII.6).

Das hochmoderne Schwerionensynchrotron der GSI ist derzeit europaweit der einzige Beschleuniger, der schwere geladene Teilchen ausreichender Reichweite und Intensität für die klinische Anwendung zur Verfügung stellen kann. Die GSI hat sich der daraus resultierenden Verantwortung und Herausforderung gestellt. In Kooperation mit der Strahlenklinik der Universität Heidelberg und dem Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg wird gegenwärtig bei der GSI eine experimentelle Strahlentherapie-Einheit aufgebaut. Das wesentliche Ziel der ab Mitte 1996 anlaufenden klinischen Studien mit etwa 70 Patientenbehandlungen pro Jahr ist der Nachweis einer verbesserten lokalen Tumorkontrolle aufgrund der überlegenen Dosislokalisation und der erhöhten biologischen Wirksamkeit des Ionenstrahls im Tumorgewebe.

Der tatsächliche Bedarf an Bestrahlungseinrichtungen für schwere Ionen übersteigt bei weitem die Kapazitäten, die im Rahmen der experimentellen Teilchentherapie an der GSI bereitgestellt werden können. Um die Versorgung einer ausreichenden Patientenzahl zu ermöglichen, werden dedizierte, also ausschließlich für diesen Zweck vorgesehene Beschleunigeranlagen an Krankenhäusern benötigt. Wie Rentabilitätsstudien gezeigt haben, können diese zu Kosten betrieben werden, die mit der konventionellen Tumortherapie vergleichbar sind. Mit Blick auf diese hoffentlich nicht allzu ferne Zukunft wurde bei der GSI eine Beschleunigerstudie angefertigt mit dem Ziel, ein kostengünstiges und für den Therapiebetrieb optimiertes Synchrotron zu entwerfen. Dieses Synchrotron ist mit einem Durchmesser von nur 17 m klein genug, um es einer Klinik angliedern zu können. Pro Jahr könnten damit etwa 2000 Patienten zu moderaten Kosten therapiert werden.

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