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| Exotische Kerne - Schlüssel zu unserer Welt |
         
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Exotische Kerne - Schlüssel zu unserer Welt
Was sich die Natur in
ihren »Kochtöpfen« so alles an Materie »zusammenkocht«, ist nun der
Forschung zugänglich. An den Beschleunigeranlagen der GSI können
exotische Kerne mit extremen Protonen-zu-Neutronen-Verhältnissen
erzeugt werden, die uns tieferen Aufschluß über die Entstehung und die
Stabilität der Elemente in unserem Universum gewinnen lassen. Dabei
haben die magischen Kerne in der Landschaft der Nuklide besondere
Bedeutung.
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| Die 1987 in der Nähe der Tarantula Nebula beobachtete
Supernova SN 1987A war sogar mit dem bloßen Auge erkennbar. Supernovae
sind charakterisiert durch eine hundertmillionenfache
Helligkeitszunahme innerhalb weniger Tage. Alle Elemente jenseits des
Eisens werden im Verlauf solcher Sternexplosionen geboren. Foto:
European Southern Observatory ESO |
Der Zustand der Materie auf
unserer Erde ist nicht charakteristisch für den Rest der Welt. Im
Inneren der Sterne und im Verlauf von Supernova-Explosionen herrschen
unvorstellbar hohe Temperaturen und Drücke, bei denen Teilchen und
Kerne gebildet werden, die auf der Erde nicht natürlich vorkommen.
Die Zahl dieser exotischen, in den »Kochtöpfen« des Universums
»zusammengebrauten«, instabilen Kerne, überwiegt bei weitem das
vielfältige Spektrum der uns im täglichen Leben zugänglichen stabilen
Isotope.
Die Produktion und Untersuchung solcher exotischen Kerne an
modernen Beschleunigeranlagen ist in zweifacher Hinsicht von großem
Interesse. Zum einen können wir unsere Modellvorstellungen über die
Eigenschaften von Kernen nur verfeinern, wenn wir über den Tellerrand
der uns auf der Erde zugänglichen Isotope hinausschauen und ein
möglichst breites Spektrum der im Universum vorhandenen Kerne in unsere
Untersuchungen mit einbeziehen. Andererseits wissen wir heute, daß die
Elementsynthese in den Sternen über exotische Kerne erfolgt. Diese
zerfallen vor allem durch die Aussendung von Beta-Strahlen, also von
schnellen Elektronen, bis schließlich die stabilen Kerne zurückbleiben,
die wir auf unserer Erde kennen. Die Bildung der chemischen Elemente
und deren Häufigkeitsverteilung sind also wesentlich durch die
Eigenschaften der exotischen Kerne bestimmt.
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| Die Nuklidkarte heute: Alle bekannten, knapp 2500
Atomkerne sind hier nach der Zahl ihrer Protonen (Z) und der Zahl ihrer
Neutronen (N) geordnet. Nur die schwarz markierten Kerne, die in der
Darstellung den Kamm des »Gebirgszugs« bilden, sind in der Natur stabil
vorhanden. Alle anderen wurden durch Kernreaktionen erzeugt, davon etwa
150 erstmals bei der GSI in Darmstadt. Die Linien Bn = 0 und Bp
= 0 markieren die Grenzen der Stabilität, soweit sie heute erwartet
werden. Die senkrechten und waagerechten Doppellinien kennzeichnen die
zu den magischen Kernen führenden Schalenabschlüsse. Die »Highlights«
aus 1994 - die bei der GSI neu gefundenen Elemente 110 und 111 sowie
der schwerste doppelt magische und zugleich in Neutronen- und
Protonenzahl symmetrische Kern 100Sn - sind hervorgehoben. |
Als einziges Beschleunigerlabor der Welt verfügt die
Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt über die
Möglichkeit, solche Kerne im gesamten Periodensystem zu erforschen -
vom Wasserstoff, dem leichtesten Element, bis zum bislang schwersten
künstlich hergestellten Element, dem mit der Ordnungszahl 111. In
Darmstadt stehen Apparaturen bereit, mit denen sich in einem weiten
Energiebereich Strahlen aller dieser Kerne herstellen lassen.
Dabei ist das Produktionsschema im Prinzip immer das gleiche: Der
aus dem Linearbeschleuniger UNILAC oder dem Schwerionen-Synchrotron SIS
kommende Beschleunigerstrahl wird auf eine Folie oder ein
Materialstück, das (sogenannte) Target, geschossen. Dort entstehen
durch Kernreaktionen exotische Kerne, welche sich mit Separatoren nach
Kernladung und Masse trennen lassen und dann für die physikalischen
Untersuchungen zur Verfügung stehen.
So gibt es am UNILAC für Kerne niedriger Energie zwei
unterschiedlich arbeitende Separatoren. Im sogenannten
On-Line-Massenseparator werden exotische Strahlen niedrigster Energie
erzeugt, indem man die Reaktionsprodukte aus dem innerhalb einer
Ionenquelle befindlichen Target herauslöst, sie dann in einem
Hochspannungsfeld beschleunigt und in einem Magnetfeld isotopenrein
separiert. Das Geschwindigkeitsfilter SHIP dagegen trennt die
Reaktionsprodukte, wie im Zusammenhang mit der Elementsynthese
beschrieben, durch elektrische und magnetische Felder im Fluge und ist
darum imstande, extrem instabile - das heißt kurzlebige - Kerne zu
separieren.
Zugang zur Stabilität exotischer Kerne
Mit der
Verfügbarkeit von Ionenstrahlen bei relativistischen Energien, das
heißt bei Geschwindigkeiten nahe der Lichtgeschwindigkeit, wie sie das
SIS liefert, wird das Spektrum der experimentell zugänglichen Kerne
erheblich erweitert. Der Fragmentseparator in Verbindung mit dem
Experimentier-Speicherring erlaubt es, Sekundärstrahlen von diesen
exotischen Kernen zu erzeugen. Damit lassen sich ganz neuartige
Kernstruktur- und KernreaktionsExperimente durchführen.
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| Messung von Massen mit Hilfe des Speicherrings ESR.
Die beiden Strukturen im Ausschnitt des Frequenzspektrums entsprechen
dem Grundzustand des Mangan-Kerns (rechts) und seinem isomer angeregten
Zustand. Beide unterscheiden sich durch eine geringfügige (aber noch
erkennbare) relative Massendifferenz von etwa 7 x 10-6. |
Die erste wichtige Aussage über die Stabilität eines
Atomkerns liefert die Lebensdauer oder Halbwertzeit. Kerne an den
Grenzen der Stabilität werden zunehmend kurzlebiger, ihre Lebensdauer
bleibt weit unterhalb von Sekunden. Mit den bei der GSI entwickelten,
extrem sensitiven Methoden lassen sich die Halbwertzeiten schon aus dem
Zerfall einzelner Atomkerne gewinnen. Bei der GSI wurden bisher nicht
weniger als fünf neue Elemente und etwa 150 neue Isotope entdeckt. Die
Details über deren Eigenschaften liefert die Zerfallspektroskopie,
wobei der Beta-Zerfall als häufigste in der Natur vorkommende
Zerfallsart am wichtigsten ist. Bei den exotischen Kernen sind die
Beta-Halbwertszeiten von fundamentaler Bedeutung für das Verständnis
des stofflichen Aufbaus des Universums überhaupt.
Eine weitere Information zur Stabilität liefert die Masse der
Kerne. Aus ihr läßt sich entnehmen, wie stark die Atomkerne in sich
gebunden sind. Bei der GSI wurde eine neue Methode entwickelt und
erstmals angewandt, die es erlaubt, die Massen von instabilen
Atomkernen direkt zu bestimmen. Die im Fragmentseparator abgetrennten
Kerne werden in den Speicherring ESR transferiert, hier gespeichert und
durch Wechselwirkung mit einem Elektronenstrahl in der Weise gekühlt,
daß im Ring alle Ionen mit genau gleicher Geschwindigkeit umlaufen. Das
bedeutet aber: Soweit ihre Massen verschieden sind, kreisen sie im ESR
auch auf etwas unterschiedlichen Bahnen und haben verschiedene
Umlaufzeiten. So läßt sich aus ihrer Umlauffrequenz direkt die Masse
bestimmen. Die Genauigkeit und Auflösung dieser Methode ist so gut, daß
man sogar erkennen kann, ob sich ein Atomkern im Grundzustand befindet
oder schwach angeregt ist. Die aufgenommene Anregungsenergie bewirkt
nämlich eine Massenzunahme.
In der Landschaft der Nuklide haben sogenannte magische Kerne eine
besondere Bedeutung. Analog zur Struktur der Elektronenhülle, welche
uns mit ihren Schalenabschlüssen die stabilen Edelgase beschert, bilden
auch die Protonen und die Neutronen im Atomkern abgeschlossene Schalen,
die zu besonders stabilen Kernen führen, den magischen Kernen. So ist
die richtige Vorhersage von Schalenabschlüssen ein wichtiger Prüfstein
für Kernmodelle, insbesondere dann, wenn die Kerne weitab der
Stabilität liegen.
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| Nachweis des doppelt magischen Zinn-Atomkerns 100Sn
(Protonzahl und Neutronzahl je 50) im Sekundärstrahl am
Fragmentseparator des SIS. Aufgetragen ist der zur Kernladungszahl
proportionale Energieverlust über dem Verhältnis von Kernmasse zu
Ladung. Die beobachteten Ereignisse sind mit einem Kreis markiert. |
Im Bereich der schwereren Elemente gibt es nur drei stabile,
doppelt magische Kerne, das heißt Kerne mit einem Schalenabschluß
sowohl für die Protonen als auch die Neutronen. Diese sind das Kalzium
mit der Massenzahl 40 und 48 sowie das Blei mit der Massenzahl 208.
Nimmt man die instabilen Kerne hinzu, so sind vier weitere doppelt
magische Kerne zu erwarten, das Element Nickel mit den Massenzahlen 56
und 78 sowie das Zinn mit den Massenzahlen 100 und 132. Die
Untersuchung dieser Kerne und ihrer Nachbarnuklide ist für die
Überprüfung und Weiterentwicklung theoretischer Kernmodelle von großer
Bedeutung.
Ein langgesuchter Kern war insbesondere das Zinn mit der
Massenzahl 100, denn sein Kern zeichnet sich dadurch aus, daß er sowohl
doppelt magisch ist, als auch die gleiche Anzahl von Protonen und
Neutronen hat, also eine besonders hohe Symmetrie aufweist. Zinn-100
liegt aber weitab der Stabilität, und das macht seine Synthese
experimentell sehr schwierig. Tatsächlich konnte dieses seltene Isotop
bei der GSI in Darmstadt 1994 erstmals erzeugt und nachgewiesen werden.
Grenzen der Stabilität
Eine grundlegende Frage zum
Verständnis unserer Welt ist die nach den Grenzen, innerhalb denen
Materie existieren kann, wenn auch nur mit kurzer Lebensdauer. Die
Kernbausteine Proton und Neutron stehen in den stabilen Kernen unserer
Umgebung in einem bestimmten Verhältnis zueinander. Das bedeutet:
Erzeugt man beispielsweise Kerne mit einem Protonenüberschuß und
überschreitet dabei einen gewissen Grenzwert, dann zerfallen diese
spontan unter Aussendung von Protonen. Mit der Entdeckung des
Protonenzerfalls aus dem Grundzustand des Elements Lutetium-151 bei der
GSI im Jahre 1982 wurde diese auch als Protonen-Abbruchkante
bezeichnete Grenzlinie erstmals experimentell erreicht und
überschritten.
Bei leichten Kernen nahe der Neutronen-Abbruchkante - das
heißt, mit extremem Neutronenüberschuß, so daß ein weiteres
hinzugefügtes Neutron nicht mehr gebunden wird - konnte noch etwas
anderes beobachtet werden: ein durch einen Halo »aufgeblasener«
Kernradius. Dieses neuartige Phänomen tritt bei bestimmten
neutronenreichen Kernen nahe der Neutronen-Abbruchkante, wie Beryllium
und Lithium mit der Massenzahl 11 auf. In diesen Kernen bewegen sich
die sehr schwach gebundenen Neutronen weit weg vom Kern und bilden um
den Kern herum eine Art dünne »Neutronenatmosphäre«. Eine sich daraus
ergebende Frage war die, ob dieser Halo-Effekt auch bei Kernen an der
Protonen-Abbruchkante auftritt. Tatsächlich konnte dies kürzlich für
das protonenreiche Isotop Bor-8 erstmals bestätigt werden.
Fliegen zwei Atomkerne aneinander vorbei, ohne sich zu
berühren, so wirken dennoch zwischen ihnen aufgrund ihrer positiven
Kernladungen die abstoßenden Coulombkräfte. Durch diese
elektromagnetische Wechselwirkung lassen sich Atomkerne in schnelle
Rotation oder Schwingungen versetzen, die im Extremfall sogar zum
Zerreißen des Kerns führen, zu einer Kernspaltung. Damit eine solche
Coulombanregung - oder gar Coulombspaltung - gelingt, müssen sich die
Atomkerne jedoch mit sehr hoher Geschwindigkeit begegnen, im Falle von
Uran mit mindestens 10% der Lichtgeschwindigkeit, also mit 30000 km/s.
Diese Geschwindigkeiten konnten schon mit dem UNILAC-Beschleuniger
erreicht werden, und konsequenterweise ist die Anregung von Kernen
durch das elektromagnetische Feld eines vorbeifliegenden anderen Kerns
bei der GSI schon seit ihrer Anfangszeit ein wichtiges Gebiet der
Kernspektroskopie.
Experimente mit Coulombanregung lassen auch Rückschlüsse auf
die Gestalt der Kerne zu. So wurde bei der GSI eine Reihe von
exotischen Kernformen beobachtet: zweiachsige und dreiachsige
Ellipsoidgestalten sowie birnenförmige Oktupoldeformationen. Andere
GSI-Untersuchungen zeigten erstmals, daß sich die Deformationen bei
bestimmten Kernen dynamisch ändern, wenn man diese in Rotation
versetzt. In einem rotierenden System wirken zusätzlich Zentrifugal-
und Corioliskräfte, die die innere Struktur eines Kerns mitbestimmen
können.
Riesenresonanzen und Kernstruktur
Mit dem
Schwerionen-Synchrotron SIS lassen sich Atomkerne auf wesentlich höhere
Geschwindigkeiten beschleunigen, auf 80 bis 90% der
Lichtgeschwindigkeit. In Reaktionen bei diesen Geschwindigkeiten werden
in den Kernen innere Schwingungen angeregt, die sogenannten
Riesenresonanzen. Diese sind zwar seit langem bekannt, insbesondere die
Dipolresonanz, bei der Protonen und Neutronen kollektiv gegeneinander
schwingen. Doch solche Schwingungen können, ähnlich wie bei der
Rotation, nur in diskreten Quanten auftreten, den (nicht mit den
Photonen zu verwechselnden) Phononen.
Trotz intensiver Suche war bis vor wenigen Jahren nur das
unterste, das energieärmste dieser Phononen bekannt. Es hat sich dann
aber gezeigt, daß die Coulombanregung der höheren Phononen durch
hochenergetische Schwerionen besonders effektiv ist. So wurde in
Darmstadt die elektromagnetische Anregung des zweiten Phonons der
Dipolresonanz, die Doppel-Dipol-Riesenresonanz, mit verschiedenen
Methoden nachgewiesen.
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| Einbau von Szintillationszählern für die Untersuchung von kollektiven Anregungen in Kernen. |
Die Riesenresonanzen und ihre höheren Phononen liegen aber bei so
hohen Anregungsenergien, daß die Kerne nicht mehr stabil sind und durch
Aussendung von Nukleonen zerfallen. Deshalb spricht man auch von einer
Coulombdissoziation von Kernen. Bei der GSI benutzt man solche
Dissoziationsprozesse insbesondere zur Untersuchung der inneren
Struktur von in der Natur nicht vorkommenden, radioaktiven Kernen, die
als Ionenstrahlen erzeugt werden.
In leicht spaltbaren Kernen der Aktinidengegend zerfällt die
Riesenresonanz nicht durch Emission von Nukleonen, sondern führt zu
einer Kernspaltung. So ergeben sich mit Hilfe der hochenergetischen
Schwerionenstrahlen vom SIS auch neue weiterführende Methoden zur
Untersuchung der Kernspaltung - einem der frühesten Forschungsgebiete
der Kernphysik. Wesentlich ist dabei, daß solche Experimente jetzt auch
auf Strahlen von radioaktiven Isotopen erweitert werden können, die
bisher nicht zugänglich waren. Mit solchen Sekundärstrahlen wurde
kürzlich in Darmstadt für eine ganze Reihe von neuen Isotopen die
Spaltung untersucht.
Aber nicht nur der Spaltprozeß selbst, sondern auch die dabei
entstehenden Spaltprodukte sind von großem kernphysikalischen
Interesse. So erlaubt die Coulombspaltung von Uranstrahlen am SIS die
Erzeugung exotischer, extrem neutronenreicher Kerne. Mit Hilfe dieser
und anderen Methoden soll in nächster Zeit zum ersten Mal der doppelt
magische Kern Nickel-78 produziert werden. Ihm kommt eine wichtige
Rolle bei der Elementsynthese in den Sternen zu.
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