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Von der Suche nach Quarkmaterie bis zur Tumortherapie

Forschung mit schweren Ionen zeichnet sich durch ein breites Spektrum aus, das über die Kern- und Atomphysik hinaus auch in benachbarte anwendungsorientierte Gebiete wie Plasmaphysik, Materialforschung und Strahlenmedizin reicht. Dementsprechend breit angelegt ist das Forschungsprogramm, das die Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt betreibt - eine der 16 deutschen Großforschungseinrichtungen und ein Forschungszentrum von internationalem Rang.

Neues Wissen über den Aufbau der Materie - und damit über die Gesetze, die den Lauf der Welt bestimmen - kommt seit fast fünf Jahrzehnten zu einem wesentlichen Teil aus Experimenten mit Beschleunigern. In gewaltigen Vakuumringen werden Atomkerne und Elektronen, von Magnetfeldern geführt, bis zur Grenze des gerade noch physikalisch und technisch Machbaren mit Energie »vollgepumpt« und dann gegeneinander oder auf in ihre Bahn geschobene Hindernisse geschossen. Aus der Analyse der dabei entstehenden »Trümmer«, den neu entstandenen Teilchen, ergeben sich dann neue Einsichten und Erkenntnisse über die Struktur der untersuchten Systeme und die sie zusammenhaltenden Kräfte.

Während aber die Elementarteilchenphysik mit Protonen und Elektronen operiert, werden in der seit etwa 30 Jahren intensiv betriebenen Schwerionenphysik schwere Ionen beschleunigt, schwerere Atome also, denen ein Teil ihrer Hüllenelektronen abgestreift ist und die somit positiv geladen sind. Erreicht wurde dadurch eine wesentliche Verbreiterung der Forschungsmöglichkeiten, sowohl innerhalb der Kern- und Atomphysik als auch disziplinübergreifend zur Festkörper- und Materialforschung bis hin zur Biophysik und Strahlenmedizin. Das breite Spektrum von Grundlagenforschung und angewandter Forschung mit schweren Ionen, wie es heute bei der Gesellschaft für Schwerionenforschung mbH, der GSI, in Darmstadt betrieben wird, reicht von der Suche nach Quarkmaterie bis zur Tumortherapie.

Die Gründung der GSI erfolgte im Dezember 1969 nach Vorarbeiten, die bis zum Anfang der sechziger Jahre zurückreichten. Im November 1971 begannen die Bauarbeiten auf dem Gelände des neuen Forschungszentrums am nördlichen Stadtrand von Darmstadt, und mit der Inbetriebnahme des Linearbeschleunigers UNILAC (Universal Linear Accelerator) im Mai 1975 konnten die ersten Experimente anlaufen. Im Januar 1976 wurde der reguläre Experimentierbetrieb aufgenommen.

Nach zehn Jahren erfolgreichen Forschens begann die Verwirklichung einer weiteren Ausbaustufe. Der Bundesforschungsminister genehmigte 1985 den Bau des Schwerionen-Synchrotrons (SIS) und des Experimentier-Speicherrings (ESR) nebst den dazugehörigen Experimentiereinrichtungen und Nachweisgeräten - im Forscherjargon als Experimente bezeichnet. Diese Erweiterungen wurden 1990 in Betrieb genommen, so daß nunmehr auch relativistische Schwerionen - das sind ionisierte Atome mit Geschwindigkeiten nahe der Lichtgeschwindigkeit - für die Versuche zur Verfügung stehen.

GSI Helmholtzzentrum Luftaufnahme

Das GSI-Forschungszentrum nach der Verwirklichung der zweiten Ausbaustufe aus der Luft. Die großen Hallen auf der rechten Seite beherbergen das Schwerionen-Synchrotron (SIS), den Experimentier-Speicherring (ESR) sowie die dazugehörigen Detektoren und Nachweisgeräte - die Experimentiereinrichtungen.



Lückenlos über 13 Zehnerpotenzen

Im Mittelpunkt des GSI-Forschungsprogramms stehen mit insgesamt rund 80% erkenntnisorientierte Grundlagenuntersuchungen im Bereich der Kern- und Atomphysik. Parallel dazu haben sich anwendungsbezogene Forschungsaktivitäten entwickelt, die zunehmend Gewicht erhielten. Sie liegen heute zu etwa je 5% in der Materialforschung, in der Plasmaphysik und in der Biophysik. Weitere 5% beansprucht die Beschleunigerentwicklung. Dabei ist eindrucksvoll, wie sich der Dimensionsbereich der Forschungsobjekte nahezu lückenlos über 13 Zehnerpotenzen erstreckt. Er fängt »oben«, bei der Zelle mit Abmessungen von 10-5 m an und erstreckt sich dann über Molekül (10-9 m) und Atom (10-10 m), Atomkern (10-14 m) und Nukleon (10-15 m) bis »hinab« zu den Quarks (<10-18 m) im Quark-Gluon-Plasma.

Im Bereich der kernphysikalischen Grundlagenforschung haben Untersuchungen zur Kernstruktur besonders hohen Stellenwert. Die Synthese und Entdekkung der fünf schwersten Elemente des Periodensystems bis hinauf zum Element 111 - ein weltweit beachteter Erfolg an der GSI um die Jahreswende 1994/95 - sind ein Beispiel für die systematische Verfolgung eines Forschungsziels durch kontinuierliche apparative Verbesserungen bei den Nachweissystemen und im Beschleunigerbereich. Die mit der Inbetriebnahme des Schwerionen-Synchrotrons SIS und des Experimentier-Speicherrings ESR erweiterten Forschungsmöglichkeiten haben zu ganz neuen Erkenntnissen über die Eigenschaften exotischer Kerne außerhalb des normalen Bereichs der stabilen Isotope geführt. Das Studium dieser exotischen Kerne ist über die reine Kernphysik hinaus für astrophysikalische Fragestellungen wie die Elementsynthese in den Sternen von übergreifendem Interesse.

Das zweite große Arbeitsgebiet der kernphysikalischen Grundlagenforschung bei der GSI ist das Studium heißer und dichter Kernmaterie. Mit Schwerionenstrahlen im gesamten SIS-Energiebereich (und darüber hinaus bis hin zu den höchsten Energien am CERN in Genf) lassen sich die vielen Erscheinungsformen von Kernmaterie, vom »flüssigen« Normalzustand über das freie Nukleonengas bis zur Auflösung der Kernbausteine in ein Quark-Gluon- Plasma, studieren. Auch dieses Forschungsgebiet hat erheblichen astrophysikalischen Bezug, denn die Wissenschaftler glauben, daß wenige Sekundenbruchteile nach dem Urknall die gesamte Materie des Alls als Quark-Gluon-Plasma vorlag. Ferner werden der dramatische Verlauf von Supernova-Explosionen und die Eigenschaften der dabei entstehenden Neutronensterne wesentlich durch das Verhalten verdichteter Kernmaterie bestimmt.

Schließlich brachte die Inbetriebnahme von SIS und ESR auch für die Atomphysik einen Durchbruch: Bis zu den schwersten Atomen lassen sich jetzt die Elektronenhüllen vollständig abstreifen. Damit ist die Überprüfung der Quantenelektrodynamik, der genauesten physikalischen Theorie überhaupt, nunmehr bei höchsten Kernladungszahlen möglich.

In andere Richtung zielen die Arbeiten zur Plasmaphysik. Mit Schwerionenstrahlen lassen sich aufgrund der sehr effektiven Deposition von Energie in Materie Plasmen hoher Dichte erzeugen. Diese Studien beinhalten wichtige Vorarbeiten im Hinblick auf das Fernziel einer großtechnischen Energiegewinnung aus thermonuklearen Fusionsreaktionen nach dem Prinzip der Trägheitsfusion. Darum sollen Intensität und Qualität der Schwerionenstrahlen in den nächsten Jahren durch ein Intensitätserhöhungs-Programm noch weiter gesteigert werden.

In einem Festkörper läßt sich die hohe Energiedeposition eines Schwerionenstrahls auch dazu benutzen, die Eigenschaften des beschossenen Materials makroskopisch zu verändern. Das ermöglicht innovative technologische Anwendungen im Werkstoffbereich. Von besonderem Vorteil ist hierbei, daß ein breitgefächertes Spektrum an Ionensorten und Ionenenergien zur Verfügung steht, so daß die unterschiedlichsten Materialmodifikationen möglich sind.

Die radiobiologische Wirkung von schweren Ionen - insbesondere die strahlungsbedingte Inaktivierung von Zellen - wird bereits seit Inbetriebnahme des UNILAC untersucht. Die Möglichkeit, mit Schwerionenstrahlen Energie in die Tiefe eines Gewebes einbringen zu können und dabei die Schädigungszone genau lokalisiert und durch Strahlparameter variierbar einzurichten, bietet gegenüber herkömmlichen Bestrahlungsverfahren ganz neue Perspektiven, beispielsweise für die Krebstherapie. Die über Jahre systematisch untersuchte radiobiologische Wirkung von Schwerionenstrahlen, verbunden mit der Entwicklung neuartiger Beschleuniger- und Bestrahlungstechniken, sind die Voraussetzung für ein Pilotprojekt zur Krebstherapie mit schweren Ionen, das 1996 anlaufen soll. - So sind diese Arbeiten ein exemplarisches Beispiel dafür, wie erkenntnisorientierte Grundlagenforschung und daraus resultierende technologische Entwicklungen einen direkten Beitrag zum Nutzen der Allgemeinheit leisten können.


Die GSI in ihrem Forschungsumfeld

Die Gesellschaft für Schwerionenforschung ist, was man in Deutschland eine Großforschungseinrichtung, in anderen Ländern ein Nationallaboratorium nennt. Die GSI hat derzeit etwa 700 Mitarbeiter, darunter 300 Wissenschaftler und Ingenieure. Der Gesamtetat beträgt knapp 130 Mio DM, die im Verhältnis 9:1 von den beiden Gesellschaftern der GSI, dem Bund und dem Land Hessen, getragen werden. - Wie ist es dazu gekommen, und welche Rolle kommt einem derart großen Laboratorium mit Blick auf sein Umfeld, die übrige deutsche und internationale Forschungslandschaft, zu?

Der Bau und Betrieb von Beschleunigeranlagen wie UNILAC, SIS und ESR nebst den zugehörigen komplexen Experimentiereinrichtungen würde die personellen und finanziellen Möglichkeiten einzelner Hochschulen übersteigen. Derart aufwendige Anlagen können nur an einer zentralen Stelle aufgebaut werden, um dann einem möglichst breiten Nutzerkreises zur Verfügung zu stehen. In diesem Sinne wurden die GSI und beispielsweise auch DESY in Hamburg als Großforschungseinrichtungen der Grundlagenforschung gegründet. Beide Institute wurden später zusammen mit anderen mehr anwendungsorientierten Zentren in der Arbeitsgemeinschaft der Großforschungseinrichtungen (AGF) organisatorisch zusammengefaßt.

Ihrer Hauptaufgabe entsprechend, neben Bau und Betrieb der Großgeräte allen interessierten Wissenschaftlern den Zugang zu ihren Forschungsanlagen zu ermöglichen, hat sich die GSI zu einem Kristallisationspunkt entwickelt, an dem Forschergruppen von Hochschulen und anderen Instituten des In- und Auslands gemeinsam ihre Forschungsarbeiten ausführen. Zusammen mit dem Zentrum entwickeln die Nutzer ein Programm, in dem die Schwerpunkte der Forschung festgelegt werden. Dabei kommt der GSI eine wichtige koordinierende Führungsrolle zu, die sie nur wahrnehmen kann, wenn sie über die Bereitstellung und den Betrieb der Anlage hinaus selbst aktiv Forschung betreibt.

Aufbau LAND-Detektor

Auch in der Forschung müssen alle an einem Strang ziehen, mitunter sogar ganz wörtlich. Dies gilt insbesondere für personal- und kostenintensive Projekte in der modernen Physik. Die Aufnahme entstand beim Aufbau des LAND-Detektors.


Über die sachliche Notwendigkeit hinaus hat eine solche Zusammenführung interner und externer Forschungsgruppen auch einen wichtigen forschungs- und bildungspolitischen Effekt. Die Öffnung der Großforschungseinrichtung für externe Wissenschaftler, die zum überwiegenden Teil von deutschen Hochschulen kommen, macht es den Hochschulen möglich, an Spitzenforschung teilzunehmen. Sie können den Studenten eine an modernen Technologien orientierte Ausbildung vermitteln und so auch die Lehre auf hohem und aktuellem Stand halten. Es ist keine leere Phrase, daß Forschung und Lehre eine Einheit bilden müssen. Man kann Wissenschaftler nur gut ausbilden, wenn man sie unmittelbar an moderner Forschung beteiligt. Die Großforschungszentren ihrerseits haben bei diesem Konzept den Vorteil, daß ihrer Arbeit ständig junge Kräfte und neue Ideen zugeführt werden und dadurch sichergestellt ist, daß die Forschung lebendig bleibt.

FOPI-Kollaboration

Die FOPI-Kollaboration stellt sich vor dem FOPI-Detektor dem Fotografen zum Gruppenbild. Nicht weniger als 68 Wissenschaftler aus 12 Hochschulen und Forschungsinstituten, darunter 7 ausländische Forschungseinrichtungen, arbeiten in dieser Gruppe zusammen.


Die GSI hat sich seit ihrer Gründung bemüht, den engen Kontakt zu den deutschen Hochschulen zu fördern und auszubauen. Sie unterhält aus eigenen Mitteln ein als GSI-Modell bekannt gewordenes Hochschulprogramm, in dem jährlich 7 Mio DM an Hochschulgruppen für die Übernahme von GSI-relevanten Entwicklungsarbeiten vergeben werden. 1994 haben etwa 200 Doktoranden und mehr als 100 Nachwuchswissenschaftler an GSI-Forschungsvorhaben mitgearbeitet.

Eine intensive Zusammenarbeit besteht auch mit einzelnen Instituten der Max-Planck-Gesellschaft, insbesondere mit dem Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg. Über den nationalen Rahmen hinaus gibt es enge Kontakte zum CERN in Genf und zu anderen führenden Schwerionen-Laboratorien in Europa, den USA, der GUS (der Gemeinschaft unabhängiger Staaten, der früheren Sowjetunion) und Japan. Insgesamt sind an den Forschungs- und Entwicklungsarbeiten der GSI vor den Toren Darmstadts über 1000 Wissenschaftler von mehr als 100 Instituten aus über 25 Ländern beteiligt.
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